Die folgende Geschichte ist im Rahmen des Projektes Sucht / Sehnsucht des 8. Jahrgangs entstanden. Viel Spaß beim Lesen!


Ich bin ich und somit normal, durchschnittlich, mittelmäßig. Man könnte auch „okay“ sagen.

Ich bin ich und somit normal, durchschnittlich, mittelmäßig. Man könnte auch „okay“ sagen. Es ist Dienstag Abend und eigentlich wäre ich heute mit meinen Kumpels verabredet. Wir wollten an den Strand, so wie jede Woche. Ich lasse das Treffen sausen und entscheide mich, meinen Abend auf der Couch zu verbringen. ‚Hier‘, denke ich, ‚hier ist es hundertmal schöner als am Strand.‘ Ich schaue fern und in der Werbepause spiele ich auf meinem Handy.

Irgendwann höre ich auf, der Filmhandlung zu folgen und konzentriere mich nur noch auf das Spiel. Ich finde es interessant und nach einiger Zeit entdecke ich, dass man den Skin (also das Aussehen der Spielfigur) ändern kann. Die ganze Nacht levele mich hoch, um Gratis-Skins, Geschenke und neue Spielwelten freizuschalten.

Es ist Mittwoch morgen, so wie jede Woche nach Dienstag Abend.  6:00 Uhr – mein Wecker klingelt. Doch dies ist nicht nötig, ich bin schon wach, und mir wird klar, dass ich überhaupt nicht geschlafen habe. Das Spiel hat mich die ganze Nacht wach gehalten.

Eineinhalb Stunden später gehe ich von der S-Bahn Station geradewegs auf den Eingang eines riesigen Betonklotzes zu. Vor dem Eintreten in den Bürokomplex schaue ich noch ein letztes Mal an mir herunter, um sicher zu stellen, dass ich gut aussehe. Sehe ich auch, ich bin aber echt fertig, bin müde und konzentrationslos.

Als ich im Büro ankomme, sehe ich, dass unsere Sekretärin Amy wieder da ist. Sie fehlt oft. Niemand weiß warum. Ich finde sie hübsch und wollte sie mal zum Essen einladen, doch sie mochte nicht. Meinen Kaffee hat sie dankend abgelehnt und die Geburtstagstorte nicht angerührt. Doch irgendwie freue ich mich, sie zu sehen.  

Während einer Sitzung sage ich, dass ich dringend auf die Toilette muss. Ich mache mich auf den Weg, doch unterwegs brummt mein Handy. Es ist die App von gestern Nacht. Ich soll meine tägliche Belohnung abholen und die Freundschaftsanfrage an einen anderen Spieler wurde bestätigt.

Ich öffne das Spiel, gehe aber weiterhin zielstrebig auf den Toilettenraum zu, dies ändert sich als ich angegriffen werde. Ich setze alles ein, was ich habe und verwende meine besten Waffen. Es scheint dem Gegner keinen Schaden zuzufügen, ich bin frustriert und fluche laut. Eine Stunde später habe ich gewonnen, ich habe es geschafft! Es gibt mir das Gefühl von Bestätigung, ich fühle mich gut. Jetzt fällt mir alles wieder ein, das Meeting und der Toilettengang. Ich beeile mich zu den Toiletten und laufe den Gang entlang. Auf der Hälfte des Weges treffe ich unseren Hausmeister Kurt. Man munkelt, er solle bald entlassen werden, weil er mit seinen zittrigen Händen keine Schrauben mehr zu fassen bekommt und immerzu Dinge fallen lässt. Ich habe schon oft gedacht, dass jemand wie er nicht optimal für den Job als Hausmeister geeignet sei. Er schaut mich an mit seinem glasigen Blick. Er hustet kurz, aber kräftig und grüßt mich mit seiner tiefen, rauen Stimme. Ich habe zwar etwas Angst vor ihm, aber grüße zurück und gehe weiter.

1% Akku, fuck.

Dort angekommen sehe ich Amy. Sie taumelt aus der Damentoilette. Ihr Gesicht ist blass. Sie sieht erschöpft aus. Gerade als ich sie fragen will, ob alles in Ordnung sei, bricht sie vor mir zusammen. Ich kann sie gerade noch auffangen, bevor sie auf den Boden fällt. Ich lege ihren zerbrechlichen Körper behutsam auf meiner Jacke ab und hole mein Handy aus der Tasche, um einen Notarzt zu rufen. Ich schalte es  ein. 1% Akku, fuck. Zu spät das Handy ist aus, so richtig aus – aus. AUS. Zum Glück gibt es zwei Flure weiter ein Notfall-Telefon. Was jetzt? Soll ich sie hier lassen oder mitnehmen? Ich entscheide mich für letzteres und trage sie durch den nächsten und übernächsten Flur. Ich sehe das Telefon. Die letzten Meter. 112. Der Rettungswagen kommt nach 6 Minuten. Ich soll mitfahren, damit sie jemanden bei sich hat, den sie kennt. Die 20 minütigen Fahrt ins Krankenhaus nutze ich, um mehr über sie heraus zu bekommen. Die Notärzte erzählen mir von Amys Vergangenheit und davon, dass das Krankenhaus schon ihr zweites zu Hause geworden sei. Jetzt kenne ich den Grund für ihr häufiges Fehlen. Es ist nicht schön und mir ist es sehr unangenehm so viel über eine Person zu wissen, von der ich nicht mal weiß wo sie wohnt.

Nach 30 Minuten waren sie fertig. Sie haben ihr 2 Zugänge gelegt, einen für Nährstoffe und einen weiteren für Medikamente die ihr Immunsystem unterstützen und kleine Erkrankungen wie Schnupfen oder Husten abwehren sollen. Ich sitze seit 2 Stunden neben ihrem Bett. Während mein Handy am Aufladen ist, frage ich mich, was sie sich dabei gedacht hat, was ihre Gründe waren, was ihr Ziel ist und ob sie es jemals stoppen kann. Ja, ich mache mir ernsthaft Sorgen um sie!

Taschendrache 2k15

Mein Handy brummt, eine Aufgabe erfüllt, ich kann die Belohnung abholen. Ich öffne die App, logge mich ein und erstelle einen neuen Skin, welcher besser aussieht als ich. Sofort hagelt es Freundschaftsanfragen. Schon verrückt, wie manche Leute aufs Äußere achten. Ich benenne mich um zu Taschendrache2k15 und bewege mich in meinem neuen Style durch die andere Welt. Ab und an  schaue ich, ob sie wach ist, den Rest der Zeit sammele ich Items, gewinne Kämpfe und schließe Freundschaften.

Erst am späten Abend, so gegen 21 Uhr, öffnet Amy ihre Augen zum ersten Mal und haucht leise ein Wort, welches Danke bedeuten könnte. In dieser Nacht war es knapp sagen mir die Notärzte  am nächsten Morgen. Sie ist dem Tod von der Schippe gesprungen.

Heute, heute war der Tag nach dem Zusammenbruch. Es ist Donnerstag. Eigentlich will ich zur Arbeit gehen und irgendwie weiter machen, aber dazu komme ich nicht. Ich merke, dass es nicht geht. Ich kann nicht. Ich mache mir Sorgen um sie. Ich weiß nicht, was ich tun soll.

In diesem Moment macht sich mein Handy bemerkbar. Es vibriert einmal, dann noch einmal. Ich schaue auf mein Start Display vielleicht ist es ja Amy, die versucht mich anzurufen. Nein, sie ist es nicht. Wie auch? Sie kennt nicht mal meine Nummer. Es ist das Spiel. Auch gut, denke ich. Es gibt eine neue Quest und ab sofort sind neue Gratis-Skins verfügbar. Gespannt fange ich an zu spielen und erst 6 Stunden später wache ich auf, aus der Trance, in die mich mein Handy versetzt hat.

Es ist 16 Uhr. Ich überlege, was ich jetzt tun soll. Soll ich arbeiten und den verpassten Tag wieder gut machen? Oder soll ich Amy im Krankenhaus besuchen?? Nein und Nein und Doppel-Nein. Was soll ich bei der Arbeit, ich kann mich doch sowieso nicht konzentrieren und was soll ich bei Amy? Vielleicht möchte sie allein sein oder ist schon entlassen worden oder bekommt regelmäßig Besuch und braucht Ruhe.

Wieder bin ich in meinen Gedanken gefangen und weiß nichts mit mir anzufangen. Dies ändert sich, als das Telefon klingelt. „Wer ist da?“ frage ich und mir erklärt eine wirklich nette, helle Stimme, dass sich jemand aus der Intensivstation des hiesigen Krankenhauses meine Anwesenheit wünscht.

Ich überlege kurz und fahre dann mit der Bahn zum Krankenhaus. Ich kenne die Zimmernummer von Amy, das erspart mir den Zwischenstopp an der Rezeption.

350, 355, 360, 365, 367 – hier ist es denke ich. Die Tür steht einen Spalt offen, trotzdem klopfe ich an, der Höflichkeit halber… ein leises „Herein!“ kommt mir entgegen, als ich den Raum betrete. Ich setze mich neben ihr Bett, so wie gestern. Amy sieht schwach aus und etwas blass ist sie auch. Lange sagen wir beide nichts. Erst traue ich mich nicht, doch dann frage ich, warum sie mich angerufen hat. Sie flüstert leise das sie keinen Kontakt mehr zu ihrer Familie hat, seit sie angefangen hat abzunehmen und dass sie außer mir niemanden kennt, der nicht voreilig urteilt. Amy erklärt mir, dass sie kein Handy besitzt, generell nicht so viele Kontakte hat und ich die einzige Chance auf Gesellschaft bin.

Amy bittet mich, irgendetwas zu erzählen, sie abzulenken und etwas aufzumuntern. Ich finde, dass ich meinen ‚Job‘ ganz gut mache: ich mache das, was ich am besten kann, ich erzähle von mir, wo ich herkomme, was ich gerne mache, was ich mag oder nicht mag, wo ich schon überall war und weitere, eigentlich unwichtige Dinge. Manchmal reagiert sie auf das, was ich erzähle, durch ein kleines Lächeln oder ein Nicken. Sie sagt nicht viel, aber ihre Anwesenheit gibt mir ein Gefühl, das ich nicht kenne, ich hatte es noch nie.

Ich würde wirklich gerne wissen, ob sie genau das gleiche, komische Gefühl fühlt wie ich. Soll ich fragen? Ja, nein, vielleicht?? Es interessiert mich wirklich, aber ich traue mich nicht. Ich lasse sie in Ruhe einschlafen und weiche auch in der Nacht nicht von ihrer Seite.

Am nächsten Morgen sehe ich doch sehr verschlafen aus und beschließe, mich im Gästebadezimmer kurz frisch zu machen.

Es ist Freitag und ich habe keinen Urlaub, keine Krankschreibung und es ist auch kein Brücken- oder Feiertag.

Ich verabschiede mich von Amy mit dem Versprechen, wiederzukommen und nehme mir fest vor, dieses einzuhalten.

So schnell wie möglich muss ich mit unserem Chef reden! Hoffentlich zeigt er sich verständnisvoll und beurlaubt mich für diese paar Tage, bis Amy wieder fit ist. Ich kann sie nicht alleine lassen.  

Ich nehme die Bahn und fahre durch die Stadt, solange bis ich den großen Betonklotz sehen kann. Ich steige aus, mein Handy brummt. Ich schalte es ein, es ist nicht meine Mom, Glück gehabt! Es ist aber auch nicht Amy, Pech gehabt. Es ist das Spiel, welches mir eine Erinnerung geschickt hat. Ich war seit gestern Nachmittag nicht mehr online. ‚Mist‘, denke ich. Warum bin ich gestern bloß zu Amy gefahren? Ich hätte auch weiter spielen können. Kurz bereue ich meine gestrige Tat, zu Recht, wie ich in diesem Moment finde, immerhin bin ich unausgeschlafen und hatte kein bisschen zu Essen. Doch in dieser Sekunde wird mir klar, warum ich das getan habe, warum ich zu ihr gefahren bin und warum es mir plötzlich egal gewesen ist, ob ich dort Essen oder Schlaf bekomme. Ich wollte bei ihr sein, egal um welchen Preis, denn ich habe sie lieb.

Erste Treppe, zweite Treppe, dritte, vierte fünfte dann endlich die sechste und letzte Treppe geschafft. Ich klopfe an bei Herr Dr. Krause. Sofort werde ich herein gebeten. Ich setze mich und versuche, mein unentschuldigtes Fehlen zu erklären. Ich erzähle von Amy, ihrer Sucht und davon, dass sie mich braucht. Herr Krause hört mir sehr verständnisvoll zu, nickt ab und an mal mit dem Kopf und als ich fertig bin, frage ich, ob ich meinen Ganztagsjob ändern lassen kann, in einen Teilzeitjob. Er fragt, wann ich denn wieder voll arbeiten könne und ich antworte, dass dies erst möglich ist, wenn Amy wieder komplett fit ist. Ich glaube, er sieht mir an, dass es mir wirklich sehr wichtig ist und willigt ein. So habe ich ab sofort mehr Zeit für Amy. Ich verlasse das dunkle Büro, schleiche über die Gänge zurück zur S-Bahn Station und mache mich auf den Weg ins Krankenhaus. Heute, wie ich gerade erfahre, ist ihr letzter Tag auf dieser Station.

Morgen, am Samstag, wird sie in eine Spezial-Klinik gebracht wo sie wieder zunehmen soll.

Ich gehe zu Amy, sie sieht etwas besser aus als heute morgen. Wir reden ein bisschen, ich erzähle ihr, dass ich beim Chef gewesen bin und sie ab jetzt öfter besuchen kann, sie freut sich darüber und erklärt, dass sie den Fehler, welchen sie mit der Sucht gemacht hat einsieht und bereut.

So vergeht die Zeit, dass Mittagessen teilt sie mit mir, Amy sagt dass sie lange nichts gegessen hat und diese Portionen noch zu groß für sie sind.

Ich freue mich dass sie täglich Fortschritte macht und sie freut sich dass ich bei ihr bin. Morgens bis mittags gehe ich arbeiten und ab 13 Uhr bin ich bei ihr. Abends, wenn ich nach Hause komme spiele ich weiter, ich bin echt gut geworden und das Glücksgefühl nach einem Sieg animiert mich zum Weiterspielen.

So geht das 5 Monate lang

Nach der Therapie geht es Amy blendend und sie ist wieder in einem gesunden Zustand. Bevor sie das Kurgelände verlässt, ist es Pflicht, sich eine Lesung zum Thema Süchte anzuhören. Außerdem ist es wichtig, ein Gespräch über die Zukunft mit den Sozialpädagogen zu führen.   

Bei dem Gespräch darf ich nicht dabei sein, aber die Lesung ist öffentlich.So verbringen wir den letzten Nachmittag, den sie dort bleiben muss, zusammen in der Lesung über Süchte.

Es wird uns erklärt, dass Süchte sich langsam in unseren Alltag einschleichen und dann ab einem bestimmten Zeitpunkt unbesiegbar werden. Sie haben uns im Griff, bestimmen unseren Alltag und unser Handeln fast komplett. Es ging über Alkoholsucht bis hin zur Cannabis-Abhängigkeit. Am Ende kommt der Mann aus der Lesung zu dem Thema Spiel-und Internetsucht. Er erklärt das sich diese Sucht schnell nicht mehr kontrollieren lässt, sie schummelt sich unbemerkt in unseren Alltag, erst für wenige Minuten doch dies wird schnell mehr. Im schlimmsten Fall spielt man tagelang und kann an nichts anderes mehr denken. Rund 270.000 Menschen in Deutschland sind von der Spielsucht betroffen. Der Tagesrhythmus dieser Menschen richtet sich so ein, das sie überwiegend Zeit am Computer oder Handy verbringen.

Plötzlich verschwimmt alles vor mir ich kann dem Mann nicht mehr folgen und sehe Amy nicht mehr. Warum? Warum wohl???? Ich habe in diesem Moment gemerkt, dass ich genau dasselbe Problem habe wie 270.000 Deutsche auch. Das wird mir in diesem Moment klar. Alles, was der Redner gesagt hat, trifft auf mich zu. Aber warum?? Warum habe ich nicht gemerkt, dass ich meine wöchentlichen Kumpel-Treffen hab sausen lassen, oder keine Zeit hatte, um einkaufen zu gehen oder seit 5 Monaten kaum noch schlief ?? Weil ich mir immer gesagt habe, dass Amy meine ganze Zeit in Anspruch nimmt, doch so war es nicht. Das Spiel war es gewesen. Es hat mich von Nachmittags um 4 bis morgens um 6 beschäftigt. Und das konnte ich nicht abstreiten. Es war so und das weiß ich.

Immer dachte ich, dass ich die einzige normale Person auf dieser Welt bin. Ich war froh das ich nicht täglich eine Alkoholfahne hatte, sowie unser Hausmeister. Und das ich nicht so dünn bin wie Amy es gewesen ist. Jedes Mal war ich froh, dass mich die Sucht nicht so krass im Griff hat wie ich es bei den anderen gesehen habe.

Doch auch mich hat es erwischt und ich werde dafür kämpfen davon loszukommen. Für mich, meine Zukunft und vor allem für Amy!

Es ist Zeit für einen Neustart!

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